Rebecca Harms

Mitglied des Europäischen Parlaments in der Grünen/EFA Fraktion 2004-2019

#tschernobyl    25 | 04 | 2017
Blog

Verdeckte Probleme und verlängertes Risiko

Schon wieder ist ein Jahr vergangen und es naht der Jahrestag der Katastrophe von Tschernobyl. Vor einem Jahr reiste ich nach Kiew zu verschiedenen Veranstaltungen zum 30. Jahrestag. Ich fuhr erneut in die Sperrzone rund um den havarierten Reaktor, die auch drei Jahrzehnte nach der Katastrophe unbewohnbar bleibt. Mein erster Besuch dort fand im Herbst 1988 statt. Seither habe ich das Sperrgebiet insgesamt vier Mal bereist.

Letztes Jahr besichtigte ich am havarierten Block 4 den neuen Sarkophag, dessen bevorstehende Fertigstellung im Kreis der internationalen Geldgeber gewürdigt wurde. 108m hoch und 162m lang ist das neue Bauwerk, gigantisch und beeindruckend. Nicht nur ich dachte unter dem hohen gewölbten Dach an eine Kathedrale. Doch mich beschlich bei meiner Reise in die Sperrzone und bei einer Fachkonferenz in Kiew das Gefühl, dass der neue Sarkophag nicht nur über den verunglückten Reaktor geschoben werden soll, um eine zweite Katastrophe zu verhindern und weitere Aufräumarbeiten am Reaktor zu ermöglichen. Die Euphorie über die neue Schutzhülle und die technische Leistung soll auch die weiterhin bestehenden Probleme verdecken und suggerieren, dass die Folgen der Katastrophe unter Kontrolle gebracht werden. Meine Gedanken zu dem Besuch und eine Art Protokoll der Shelter Propaganda auf der Fachkonferenz habe ich nach meiner Reise aufgeschrieben (> "Eine Hülle für Tschernobyl"). Während der Konferenz an der Politechnischen Universität von Kiew wurde eben auch deutlich, dass alles, was nach dem Versiegeln des Sarkophages kommen soll, bis heute ungeklärt ist.

Falsches Vertrauen in die Beherrschbarkeit der Folgen der Atomkatastrophe ist nicht nur aber auch gerade in der Ukraine gefährlich, da dort aktuell die Laufzeiten der alten Reaktoren im Land verlängert werden. Die alternden Reaktoren sollen bis weit über die im Reaktordesign vorgesehene Betriebszeit am Netz bleiben. Die Gefahr einer neuen Katastrophe für die Menschen in der Ukraine, aber auch in ihren Nachbarländern wächst.

Laufzeitverlängerungen spielen aber nicht nur in der Ukraine eine Rolle sondern auch in einigen Mitgliedsstaaten der EU. So haben Belgien, die Niederlande und Bulgarien bereits die Laufzeiten einiger Reaktoren verlängert und Frankreich bereitet eine Entscheidung über die Verlängerung der Laufzeiten seiner Reaktoren vor. Die EU-Kommission geht in ihrem hinweisenden Nuklearprogramm (PINC und > Grüne Gegenstudie) davon aus, dass die Laufzeiten von fast der Hälfte der Atomreaktoren der EU auf bis zu 60 Jahre verlängert werden.  Das verlängert das Risiko, das mit dem Reaktorbetrieb verbunden ist und hat Auswirkungen auf die Menge Atommüll, die produziert wird. Mit meiner Fraktion und in Zusammenarbeit mit NGOs in Europa drängen wir darauf, dass diese Laufzeitenverlängerung eher wie eine Neugenehmigung betrachtet wird. Wir fordern, dass neue Umweltverträglichkeitsprüfungen durchgeführt werden müssen, die auch Alternativen zum Weiterbetrieb betrachten.

Das ist auch das Hauptthema des zweiten Treffens der "Allianz der Regionen für einen europaweiten Atomaussteig" (> Gründungstext der Allianz). Seit der von mir und Rudi Anschober aus Österreich vorangetriebenen Gründung hat die Allianz neue Mitglieder dazugewonnen und trifft sich in dieser Woche hier in Brüssel, um das weitere Vorgehen zu planen. Bei einer öffentlichen Veranstaltung werden wir über die Gefahren durch Laufzeitverlängerungen und Einwirkungs- bzw. Verhinderungsmöglichkeiten diskutieren (> Einladungsflyer).


#tschernobyl   #atom   #ukraine   #sarkophag