Rebecca Harms

Mitglied des Europäischen Parlaments in der Grünen/EFA Fraktion 2004-2019

#marianne fritzen    29 | 09 | 2010

Laudatio auf Marianne Fritzen

Rebecca Harms hielt am 29. September 2010 die Laudatio auf Marianne Fritzen, die diesjährige Gewinnerin des Petra-Kelly-Preises der Heinrich-Böll-Stiftung. Mehr Information über den Preis auf der Website der Heinrich-Böll-Stiftung.



Marianne Fritzen Rebecca Harms

Die Preisträgerin Marianne Fritzen

Rebecca Harms bei ihrer Laudatio auf Marianne Fritzen

© aller Fotos in diesem Artikel: Günter Zint

Liebe Marianne!

33 Jahre und 7 Monate sind seit unserer ersten Begegnung vergangen. Weil es der Tag der Standortentscheidung Gorleben war, werden wir das immer so bestimmt sagen können. Viel ist seither über dich geschrieben und erzählt worden. Von Freunden und politischen Weggefährten, von mehr oder weniger guten Autoren. Fast immer wohlmeinend.

Das Bild der “Mutter der Bewegung” werde ich hier nicht beleben. Es hat nie gepasst. Denn Mutter warst du in Kolborn im Waldwinkel. Sieben Kinder hast du erzogen. Besser kennengelernt habe ich nur deine einzige Tochter. Micke war noch Kind als du die erste Vorsitzende der Bürgerinitiative Umweltschutz Lüchow-Dannenberg wurdest und einer der Großkonflikte der Bundesrepublik in das Haus hinter den dichten Hecken einbrach. Ich erinnere mich, dass ich bei Treffen am großen Tisch im Keller immer erstaunt war, mit welcher Ruhe sich dieses Kind zwischen all den immer aufgeregten Leuten bewegte. Diese Treffen fanden immer dann in deinem Keller statt, wenn selbst der Clubraum des Ratskellers zu öffentlich für unseren Streit war. Beeindruckend war auch, wie Micke ihren Weg machte zwischen unserer “großen" Vorsitzenden Marianne und dem "großen" Mann und Denker Joachim Fritzen.

Wenn ich seinen Schülern glaube, dann war er DER Lehrer. Als Philosoph, Sinologe und Musiker ging er mit dir, der Elsässerin, und den Kindern von Berlin nach Lüchow nach Taiwan und zurück. Ein Segen war das zurück zuerst für die Schüler am Lüchower Gymnasium. Ein Segen war es später für die politische Entwicklung im Wendland mit Wirkung weit über die Grenzen des Landkreises hinaus.

Ich weiß gut, wie oft du hin und her gerissen warst zwischen deiner Verantwortung für Mann und Tochter und deinen Pflichten für die Bürgerinitiative. Zuerst bei den nächtelangen Sitzungen des BI Vorstandes und erst recht als zu den Sitzungen nächtliche Streifzüge im Gorlebener Wald kamen.

Joachim, dein pazifistischer aber wortgewaltiger Mann, konnte ganz schon explosiv sein, wenn er nicht wusste, was los war. Und die Rolle, in die er hinein wachsen musste, war auch nicht die, die er sich ausgesucht hatte: Sind Sie der Mann der berühmten Frau Fritzen?

Joachim, der dich in seiner Krankeit immer mehr brauchte, hat über dich, für dich, an dich geschrieben. Haikus.

Kostbarkeit

Eine Gefährtin

deren Hand ich streicheln darf

um ihr zu danken.

Dieser Mann, dessen Ideen über Gewaltlosigkeit, Freiheit und das Verhältnis von Bürger und Staat dich bewegt haben, würde sich freuen, dass du heute ausgezeichnet wirst. Weil die Politik Petra Kellys in seinem Sinne war. Und weil er immer wusste und es deinen Freunden auch ab und zu gesagt hat, wie viel Anerkennung dir gebührt.

Er hat auch das über dich geschrieben:

Zwei Einheit

Ohne Eigennutz

Vielen Wesen zugetan

sich selbst verwirklicht.

Marianne Fritzen, ein Kopf der Bewegung!

Die Standortentscheidung Gorleben versetzte die Heimat, die Freunde, die Mitbürger in große Unruhe. Im verträumt verschlafenen Lüchow-Dannenberg begann eine neue Zeit. In den ersten Tagen nach der Standortentscheidung gab es bei Protestversammlungen, in den Räten, im Landvolk oder Kirchengemeinden und auf ersten Kundgebungen keinen, der den Plan der Regierungen in Hannover und Bonn unterstützte, in Gorleben ein Nukleares Entsorgungszentrum einzurichten. Jedem schien jede andere Gegend in Deutschland besser geeignet als das schöne Wendland.

Dann wurde die Bürgerinitiative gegründet, ein Infozentrum der BI im Gasthaus Alte Burg gegründet und der Aufruf zur ersten Großdemo gegen Gorleben veröffentlicht. Als Atomkraftgegner aus ganz Deutschland ankündigten zur Unterstützung zu kommen, kamen das erste Mal gemischte Gefühle auf.

Landesregierung und Atomindustrie hatten aus den Auseinandersetzungen an den Vorläuferstandorten in der Lüneburger Heide und im Emsland gelernt. Schamlos wurde die Terrorismusdebatte auf den Bürgerprotest ausgeweitet: “Feinde der Rechtsordnung”, “Kommunistische Gesellschaftszerstörer”, „Sympathisanten der Baader Meinhof Gruppe“. Prädikate wie “Drogensüchtige“, „Hippies“ ,„Arbeitsscheue” waren noch die freundlichsten. "Geht doch rüber!" war ein beliebtes Argument.

Gegen die Angst vor den Atomanlagen wurde von Innenministern, Ministerpräsidenten und dem Bundeskanzler die Angst vor Brokdorfer Verhältnissen und brennenden Barrikaden geschürt. Ein politisches Muster, das sich durch die 33 Jahre seit der Standortentscheidung zieht.

Als gute, angesehene Bürgerin der Stadt Lüchow hast du in einer mit großen gesellschaftlichen Spannungen aufgeladenen Zeit die Führung unserer Bürgerinitiative übernommen. Und du warst wie gemacht dafür, einen Kurs zu prägen, der sich, trotz großen Streits gerade in den ersten Jahren, bis heute als richtig, erfolgreich und durchhaltbar erwiesen hat.

Die Bürgerinitiative war politisch bunt

Die Bürgerinitiative, deren Führung du 1977 übernommen hast, war politisch bunt. Allein im Vorstand fanden sich nicht nur Anhänger aller damals im Parlament vertretenen Parteien. Du hattest die Großgrundbesitzerin und den selbstbewussten Bauern, den bürgerlichen Naturschützer, den Berliner Künstler und die wendländische Landkommunardin. Es gab den linken Lehrer und den konservativen Lehrer, den linken Rechtsanwalt und den konservativen Rechtsanwalt.

Lüchow-Dannenbergs Bürger hatten eine andere politische Prägung als die Wochenendpendler aus Hamburg . Was ist Aufgabe unseres Vereins, was hat die Vorsitzende zu verantworten und deshalb zu sagen? Brauchen wir überhaupt einen Verein? Hinter solchen Fragen, die banal klingen, klärten wir den Kurs des wendländischen Protestes.

Zum Glück für uns alle hattest du nicht nur reichlich Erfahrungen mit sehr verschiedenen Menschen mit sehr expliziten Meinungen. Zum Glück für uns hattest du zudem reichlich aber nicht unendliche Geduld. Und dein Respekt und deine Toleranz vor Anderen konnten sehr abrupt enden, wenn Autoritäten hohl oder Hierarchien unbegründet waren. Zum Glück für uns führtest dein (Ehren!)Amt mit Verantwortung, mit Augenmaß und mit einer Leidenschaft, die die andere Seite oft unterschätzte. Leidenschaft hatten wir alle. Aber allein mit der Begeisterung einer wenn auch starken Minderheit "gewinnt ihr nicht den Kampf um Gorleben und die Atomkraft".

„Die Leute müssen uns verstehen“, hast du immer und immer wieder eingefordert. „Es reicht nicht, wenn wir wissen, dass wir gute Argumente haben. Unsere Argumente müssen in der öffentlichen Debatte standhalten!“

Jede Debatte, auf die sich die BI eingelassen hat, musste intensiv vorbereitet werden. Die Bürgerinitiative als lernende Organisation, dazu hast du uns angetrieben. Zuerst suchten wir uns Experten in ganz Deutschland später rund um den Globus.: Physiker, Chemiker, Ingenieure, Geologen, Geomorphologen, Verwaltungs- und Verfassungsrechtler usw. usw.

Den Bürgerdialog Kernenergie mit Betreibern und Politik und deren Experten haben wir deshalb gewonnen. Erfolgreich waren wir aber auch, weil du an der Spitze zu Recht nie gefürchtet hast, man könnte dich als Alibi missbrauchen. Deine Souveränität in der fachlichen Auseinandersetzung, deine selbstbewusste Positionierung, ließen Vorwürfe wegen Einbindung und Legitimation der Akzeptanzstrategie verblassen.

Als einmal der Bundesinnenminister über die Feuertreppe des Ratskellers flüchten musste, und behauptete, er sei vor der Gewaltbereitschaft der Bürger und Bauern geflohen, glaubte ihm keiner. Die besseren Argumente, zu deren Erarbeitung du uns immer angetrieben hast, haben viele in die Flucht geschlagen.

Wer mit uns diskutieren wollte, mit dem wurde diskutiert. Minister aus Bund und Land und allen Parteien, Ministerpräsidenten – sie alle haben sich mehr oder weniger offen der Auseinandersetzung gestellt. Jürgen Trittin war einer der beständigsten. Angela Merkel war eine der Mutigeren, nachdem du ihr freies Geleit zugesichert hattest. Hast du eigentlich gezählt, wie viele Staatsgäste du auf wendländischem Boden mehr oder weniger herzlich begrüßt hast?

Wir müssen verstanden werden – mit Argumenten und Aktionen!

Die ersten Jahre der Bürgerinitiative waren auch die Jahre der aufgeregten Debatten um die Aktionen auf der Straße.

Wie weit gehen wir bei Demonstrationen?

Wie reagieren, wenn die Polizei Gewalt anwendet?

Aber auch, was tun, wenn Steine fliegen?

Erst wurdest du Expertin für Atomspaltung und dann für zivilen Ungehorsam und seine vielfältigen Formen. Wir wollten die Atomspaltung verhindern und mussten dafür lernen, wie man die Spaltung der Bewegung verhindert. Und wie man trotzdem dafür sorgt, dass Mehrheiten im Landkreis und in Deutschland zu unseren Sympathisanten werden.

Von den ersten Blockaden gegen die Fahrzeuge der Celler Brunnenbau 1978 bis hin zum Treck nach Hannover 1979 wuchsen das politische Selbstbewusstsein und der Anspruch der Bürgerinitiative , für Aktionen und Demonstrationen, für die die Verantwortung bei uns lag, einen klaren politischen Rahmen vorzugeben.

Mit der Bäuerlichen Notgemeinschaft wurde auf Gewaltlosigkeit und Massenprotest gesetzt. Ich weiß, wie oft ich in den ersten Jahren gedacht habe, wir sollten, was die Bohrlöcher und Bauzäune betraf, doch etwas griffiger sein. Ich weiß auch, wie oft du genervt warst, weil wir in unserem Überschwang das große Ganze aus den Augen verloren.

Heute denke ich, dass dein Augenmaß in den frühen Jahren, dein Gespür für mögliche Überforderung derjenigen, von denen wir unterstützt werden wollten, Voraussetzung war für die spätere massenhafte Bereitschaft von so Vielen, Gesetze zu übertreten und die gewaltlose Konfrontation mit der oft übermächtigen Staatsgewalt zu wagen.

Der Treck nach Hannover, die erste 100.000er Demo zu Gorleben, erneut auch die Brillanz unserer Seite im Internationalen Gorleben-Hearing der Albrecht-Regierung – im Frühjahr 1979 war der Protest im Wendland wie beflügelt. Aus diesem Frühjahr ist das Foto von der Riege der BGSler unter ihren Helmen, an denen vorbei schreitest. Mit diesem bestimmten Blick und dieser Mütze!

Überhaupt gehörten deine Strick- und Häkelmützen zu den besten Tarnungen, die ich in Zeiten des Vermummungsverbotes kennengelernt habe. Dieses Foto, eines der besten von Günter Zint und später Wahlplakat der Grünen, entstand an dem Morgen der ersten Massenfestnahme. Da warst auch du mit uns in der Ü-Fest eingesperrt. Diese Festnehme führte zur ersten mehrtägigen und unnachgiebigen Treckerblockade der Bauern gegen Bohrfahrzeuge. Die Bauern wurden später vor Gericht gestellt, verurteilt. Viel Geld hat das gekostet. Undine von Blottnitz hat viel davon gezahlt. Aber: Ernst Albrecht sah sich gezwungen, ein Stück nachzugeben.

Wir saßen noch auf den Treckern, als die Nachricht kam, dass er sich entschieden hatte: Die Wiederaufarbeitungsanlage ist politisch nicht durchsetzbar!

Bemerkenswert bis heute, dass da ein Politiker etwas zurückgenommen hat. Selbst wenn man die Souveränität des Staates nicht untergraben will: Es ist eine Fehlentwicklung, dass Politik so gut wie nie bereit ist, sich in der Auseinandersetzung mit dem Bürger aus Einsicht zu korrigieren.

Die WAA hatten wir also erledigt. Den Rest, immer noch eines der größten Atomzentren der Welt und das Endlager, sollten wir schlucken. Stattdessen fing dann unsere große Außenoffensive an: Mitglieder der BI wurden begehrte Vortragsreisende in Diemelstadt in Hessen, in Wackersdorf in Bayern und überall da, wo versucht wurde, die Wiederaufarbeitung oder andere Atomanlagen zu verwirklichen. Die Vernetzung, die vorher schon von Marianne im Bundesverband Bürgerinitiativen vorangetrieben worden war, bewährte sich.

Es kam das Jahr 1980 und das Dorf 1004

1003/ 1002 Blockaden, Baumbesetzungen. Wie so oft standest du als Beobachterin und Beschützerin im Gorlebener Wald, als uns die Bäume unterm Hintern abgesägt wurden. Gerade dies Erlebnis an den ersten Tiefbohrstellen "zu spät dran, zu wenige und zu schwach" führte zur Idee der rechtzeitigen Platzbesetzung der Tiefbohrstelle 1004.

Auch in deiner Erinnerung ist die Republik Freies Wendland die wichtigste oder die Schlüsselaktion der ersten Jahre. Von Aufbau und Räumung der Freien Republik ist im Laufe dieses 30. Jahres viel erzählt worden. Da will ich nichts drauf legen. Erwähnen muss man noch, dass für unseren Protest von Beginn an neben die Ablehnung der atomaren Pläne die positiven und selbstgesteckten Ziele zählten. Schon wenige Monate nach der Standortentscheidung hatten wir ein Strategietreffen im Jagdschloss Göhrde. Heinz Brand, der Gewerkschafter in der Anti-Atom-Bewegung und Robert Jung, der Zukunftsforscher, hatten uns nicht nur früh erreicht mit ihrem Engagement gegen den "Atomstaat". Mit ihnen wurde der Plan für eine "gute" Entwicklung unserer Heimat geschmiedet. Eine KOnzeption der nachhaltigen Entwicklung für das Wendland wurde unter der Parole "Gorleben soll leben !" zusammengefasst.

Diese Parole und unser Wunsch nach Freiheit und Selbstverantwortung nahmen in der Freien Republik Wendland Gestalt an. Die Idee „Small is beautiful“ oder dass "weniger mehr sein kann" wurde selten schöner inszeniert.

Die Rollen waren zwischen uns waren wieder verschieden verteilt: Während wir uns auf die Suche nach dem guten Leben machten und einmal mehr über „Gewaltlosigkeit oder nicht?“ verbale Schlachten kämpften, warst du auch wieder die, die den Dialog betrieben hat. Ob mit den Bürgermeistern, die nicht wollten, dass Waldwege unbefahrbar wurden, mit den Jagdpächtern, deren Hochsitze abgerissen wurden oder den Innenministern, die inzwischen die Bewegung 2. Juni im Dorf verortet hatten.

Alle Sympathien, die wir nah und fern des Wendlandes mit dem Aufbau des Hüttendorfes für die Besetzer der Bohrstelle 1004 und den Kampf gegen Gorleben gewinnen konnten, konnten den Fall, das Ende nicht abwenden.

Die Räumung steht als Bild bis heute für den einzigen möglichen Weg wechselnder Regierungen, Gorleben durchzusetzen: Gegen den entschiedenen Protest der Bürger der Region, die den zivilen Ungehorsam aus Verantwortung für ihre Heimat wagen, hilft der Atomindustrie und ihren Unterstützern nur der unverhältnismäßige Einsatz der Polizei.

Die Räumung war inszeniert wie ein Bürgerkriegsmanöver. Hubschrauber, Panzer, Polizei mit schwarzgefärbten Gesichtern, dazu die unerbittlich und ungebrochen gegen uns gerichtete Terrorismus- Propaganda, sollten uns erschrecken und unsere Freunde abschrecken. Wenn doch nur mal mit so viel Kraft unsere Fragen und Ideen bearbeitet werden würden!

Als wir im Sommer zusammen zurück gedacht haben in der Vorbereitung auf diesen Abend der Preisverleihung an dich Marianne, da habe ich gedacht: Es ist auch ein Wunder , dass wir die Gewaltfreien geblieben sind. Ich erinnere mich sehr gut an deine Fassungslosigkeit noch lange nach der Räumung. Auch an deine Wut. Und an die Worte, die dein Mann fand. Als geschichtsbewußter Antifaschist und Aufklärer war er kein Anhänger falscher Gleichsetzungen. Aber er war außer sich über die Maßlosigkeit des Staates und der Instrumentalisierung der Polizei gegen die Bürger.

Die Räumung der Freien Republik wurde zum bis dahin größten Polizeieinsatz in der Geschichte der Bundesrepublik. Der Grundsatz der Verhältnismäßigkeit der Mittel wurde seither regelmäßig außer Kraft gesetzt. Bei jedem Castor-Transport kommt das Verhältnis von Bürger und Staat unter die Räder. Robert Jung hat mit seinem Thema Atomstaat zurecht immer gewarnt, nicht nur vor den Gefahren der Atomkraft für Umwelt und Gesundheit, sondern auch vor den großen Gefahren für die Demokratie.

Die Räumung war der Augenblick tief empfundener Machtlosigkeit. Über Macht und Ohnmacht und David und Goliath ging es lange im Wendland auch zwischen Einheimischen und Auswärtigen hoch her. Im Archiv der taz finden sich aus dem Sommer 1980 viele Berichte und viele Kommentare zu der Frage, ob wir als Sieger oder Besiegte vom Platz gingen.

Ein Weg, der damals begann und stark mit diesem Macht oder Ohnmacht Streit verbunden ist, das war der Weg in die Parlamente.

Marianne und die Grünen

Grünen PolitikerInnen im Publikum

Im Bild: Hermann Ott, Renate Künast,

Jürgen Trittin, Jochen Flasbarth,

Barbara Unmüßig, Ralf Fücks,

Marianne Fritzen,Rebecca Harms,

Claudia Roth, Steffi Lemke

Du hast die Gründung einer ökologischen Partei betrieben. Du hast dann die Grünen auch mit gegründet. Du bist als erste Frau in den Kreistag eingezogen mit Gisela Knoll. Ihr Damen habt mit Charme und Hartnäckigkeit die Stammtischverhältnisse der Lokalpolitik erschüttert. So wie Martin Mombaur dich in der BI beraten hast, so warst du ihm zur Seite als er als erster Grüner Lüchow-Dannenberger in den Landtag zog.

Du hast den Grünen dein Gesicht gegeben für ein Wahlplakat. Das berühmte Foto mit der Mütze. „Demokratie braucht Luft zum atmen“ stand im Wahlkampf darauf. Und dann bist du gegangen.

Der Krieg in Jugoslawien und der Atomkonsens waren die Anlässe. Du hast mir im Gespräch in diesem Sommer gesagt, dass es eben Grenzen gibt, die das Gewissen setzt. Im Jahr 2000 gehörte ich zu denen, die Tränen vergossen haben über die Entscheidung.

Als Schrecken und Trauer sich legten, bei denen die gegangen waren und bei denen, die geblieben sind, war für mich so wichtig: Du hast mir und uns nicht die Freundschaft gekündigt. Auch nicht die politische Freundschaft. Politische Freundschaft ist so selten. Und ich danke dir für deine!

Ich wünsche dir heute:

Dass du erlebst, wie die schwarz-gelbe Regierung mit ihren atomaren Plänen scheitert.

Dass du nach einem Regierungswechsel dann nicht wieder furchtbar enttäuscht bist.

Dass du noch viele Abschaltungen von Atomkraftwerken erlebst und wir dann immer einen kleinen Sekt darauf trinken können.

Dass der gefährliche Plan aus den 70er Jahren, in Gorleben im Salz ein Endlager zu bauen, endlich aufgegeben wird und eine neue Regierung endlich verantwortlich umgeht mit dem Menschheitsproblem Atommüll.

Ich wünsche dir, dass im November Zigtausende anlässlich der Castor-Transporte gewaltlos im Wendland protestieren. Über eine neue Form des zivilen Ungehorsams wird gerade viel diskutiert, über das Schottern. Darüber wird ja auch schon wieder diffamierend diskutiert. Bisher habe ich gedacht, und das ist wohl in deinem Sinne, dass nicht das Aufnehmen eines Steines sondern das Werfen Gewalt ist. Ich wünsche dir sehr, dass wir den "Atomstaat" hinter uns lassen können.

Liebe Marianne!

Ich gratuliere dir zu den vielen Früchten deiner Arbeit: Vor kurzem haben in Berlin Bürgerinitiativen, Umweltverbände, Parteien, Gewerkschaften und Kirchenleute gemeinsam eine sehr große und beeindruckende Anti-Atom-Demonstration in Berlin organisiert. Und so, wie wir immer Atomkraft Nein Danke und Gorleben soll leben verbunden haben, ging es den Hundertausend in Berlin um das Ende der Hochrisikotechnologie und den Aufbruch in ein vernünftige durchhaltbare Entwicklung.

Du hast als Person Orientierung in die Bewegung, die Politik und die Gesellschaft gebracht.

Danke Marianne.

Petra-Kelly-Preis Verleihung Marianne Fritzen, Rebecca Harms, Claudia Roth
Jochen Flasbarth bei seiner Rede
Marianne Fritzen, Rebecca Harms und Claudia Roth hören zu


Die Laudatio als pdf-Dokument.


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